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Pforzheimer Kurier 22.04.2002
Unternehmer - Politiker - Wissenschaftler

Moralische Zwickmühlen bei der Wirtschaftsethik?

Podiumsdiskussion zu Moral und Ethik in der Wirtschaft

Mühlacker (bm). "Wie schaffen wir es, dass diejenigen, die in der Wirtschaft Verantwortung haben, ihr Gespür für ethische und moralische Fragen, die sie neben dem Gewinnstreben zu beachten haben, nicht verlieren?" war die Hauptfrage für Ute Vogt, MdB, bei einem Streitgespräch der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Thema "Moral und Ethik in der Wirtschaft" am Freitagabend in der Villa Bauer in Mühlacker. In Deutschland werde noch zu wenig darauf geachtet, was ein Unternehmen für die Umwelt mache oder wie es mit seinen Mitarbeitern umgehe. Ihr Fazit: "Wir brauchen eine andere öffentliche Wahrnehmung bei der Kaufentscheidung der Verbraucher."

Neben Ute Vogt diskutierten auf dem Podium Brigitte Wetzel-Händle (Herausgeberin Mühlacker Tagblatt), Till Casper (Präsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertages) und Dr. Olaf Schumann (Interfakultäres Zentrum für Ethik in den Wissenschaften, Universität Tübingen). Fast hundert Menschen waren der Einladung zu dem Streitgespräch gefolgt.

Über die moralische Zwickmühle, in der sie als Frau und Unternehmerin stecke,  berichtete Brigitte Wetzel-Händle, am Beispiel ihrer teilzeitbeschäftigten Frauen. Alle wollen vormittags arbeiten, um nachmittags für die Kinder da zu sein und alle erwarteten Verständnis von ihr als Frau und Mutter. Aber als Geschäftsfrau müsse sie dafür sorgen, dass der Betrieb auch nachmittags funktioniert.

Till Casper berichtete von der Caux-Round-Table-Vereinigung, in der sich weltweit Unternehmen zusammengetan haben, die bestrebt sind, korruptionsfrei zu wirtschaften. Die Industrie- und Handelskammer Nordschwarzwald habe sich mit dem Thema Ethik und Moral in der Wirtschaft befasst und drei Erkenntnisse gewonnen: Die Marktwirtschaft sei systemimmanent moralisch, der betriebsinterne Erfolg werde durch korruptes Handeln beeinträchtigt, weil man sich dadurch von anderen abhängig mache, und der beste Garant gegen eine Korruption sei der Mittelstand, weil ein Mittelständler kein Interesse an Korruption habe.

"Marktwirtschaft gibt es nicht im luftleeren Raum", zweifelte Olaf Schumann an der Systemimmanenz. Denn Marktwirtschaft könne sich nur in dem Ordnungsrahmen bewegen, der von der Politik gestaltet werden muss. Worauf Casper kritisierte, dass der Ordnungsrahmen schon lange nicht mehr stimme. "Unternehmen werden dadurch gezwungen, manchmal Wege zu gehen, die moralisch zweifelhaft sind."

Aus dem Publikum kam der Hinweis, dass angesichts der Globalisierung die, nationale Politik gar nicht mehr in der Lage sei, einen Ordnungsrahmen zu setzen. Im Bereich der Steuerpolitik gegenüber internationalen Konzernen stimmte Ute Vogt dem zu, erinnerte zugleich aber auch an die Einführung der Katalysatorpflicht und die Ökosteuer, als Beispiel, dass die Erforschung und Nachfrage nach umweltfreundlicheren Technologien erst durch politischen Zwang einen Aufschwung erlebt habe.

In öffentlichen Diskussionen zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Interessengruppen werden konträre Positionen gegenüber gestellt, häufig überspitzt. Die Politik sei dann gefordert, einen Kompromiss zu finden und am Ende ist keiner so richtig zufrieden. Daher wünscht sich die Politikerin, "dass man in unserer Gesellschaft mehr das Gegenüber mitdenkt".

Einig war das Podium mit dem Publikum darin, dass die Wertebildung bei der Erziehung vom Elternhaus über die Schule bis zum Studium eine größere Rolle spielen müsse und dass der Frage von Vorbildern eine entscheidende Rolle zukomme.

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ALS VERTRETER VON WIRTSCHAFT, WISSENSCHAFT UND POLITIK diskutierten Till Casper, Brigitte Wetzel-Händle, Elmar Haug, Friedrich-Ebert-Stiftung (Moderator), Ute Vogt und Olaf Schumann (von links) in Mühlacker.
Foto: Ehmann